Das Kunstwerk

ON THE WAY TO COMMUNISM

Our way – CommunismDer hundertste Jahrestag der Oktoberrevolution war in Russland kein Anlass zu großer Feier. Er wurde geradezu mit Schweigen bedacht. Fraglos galt es zu vermeiden, alte Dämonen zu wecken und die Jugend auf Gedanken zu bringen? Der Sowjetkommunismus hatte sich vorgenommen, mit der Vergangenheit aufzuräumen und eine neue Gesellschaftsordnung einzuführen, die allen Individuen Gleichheit und ein besseres Leben versprach. Die rote Fahne, die die Revolutionäre des Oktober 1917 schwenkten, war seit der Revolution von 1848 und der Kommune von 1871 in Frankreich zum Symbol der Arbeiterkämpfe geworden. Doch das Emblem, das für soziale Errungenschaft und Befreiung des Proletariats von Unterdrückung begeisterte, erstarrte zum Fetisch einer institutionellen Rhetorik. In der UdSSR der 70er und 80er Jahre war die rote Fahne allgegenwärtig und stets begleitet von Schlagwörtern, die eine strahlende Zukunft verhießen, an die niemand mehr wirklich glaubte.

Ilja Kabakov – der 1992 zu seiner Ehefrau Emilia in die USA zog und seither gemeinsam mit ihr für die Werke verantwortlich zeichnet – kannte diese Verhältnisse und legte die Hand auf die konkrete Realität einer kleinkrämerischen Bürokratie, die, um nur ein Beispiel zu nennen, dem Elend der kommunalen Wohnungen mit einer Anhäufung von Vorschriften, Listen, moralischen Empfehlungen und Protokollen begegnete. Sein genialer Schachzug: Er versuchte sich nicht durch frontale Angriffe und offene Kritik wider das Regime zu stellen, sondern bediente sich höchstgradiger Ironie. Seine Gemälde – und später seine Installationen – beschreiben lediglich mithilfe der an den Akademien gelehrten post-cézanneschen Technik den Alltag des Sowjetlebens. Es ist die Kraft der Kunst, durch bloße Perspektivenverschiebung und verfremdende Vorführung die Augen für eine Realität zu öffnen. Kabakovs Anverwandlung sowjetischer Bildsprachen und Ausdruckungsformen hat ihm den Vorwurf der Nostalgie eingetragen, dabei leistet sie eine tiefe Reflexion über die Gefahren und Abwege des Sozialismus. Die Kritik funktioniert über den Abklatsch.

Gebrannte Kinder, was die Fehlentwicklungen des sowjetischen Kommununismus betrifft, stellen sich Ilja und Emilia Kabakov heute Fragen über die Revolution. Ist, wie in den Spätwerken von Tizian und Poussin, die Hand nicht mehr so sicher, so ist doch ihr Wille ungebrochen, für die Menschheit, deren Wohl und Toleranz Zeugnis abzulegen. Jede neue Generation denkt Veränderung in Gestalt von Revolution, nicht Evolution. Scharen junger Leute beflügelt die Hoffnung, eine gerechtere Welt zu erbauen, und sie schwingen die rote Fahne, Symbol der Freiheit und des Endes von Unterdrückung und Entfremdung. Sie handeln getreu dem Willen der Völker, die sich der Unterwerfung unter einen Tyrannen oder das Geld verweigern. Man trägt eine Fahne, um seine Zugehörigkeit zu einem Stamm, einer Nation oder einer Bewegung zu zeigen. Die jungen Revolutionäre werden ihrerseits getragen von ihrem Ideal und halten sich fest an ihre Fahnen, um neuen Horizonten entgegenzufliegen. Ein jeder ergreift seine Fahne wie ein Künstler, der sein mit der Vergangenheit aufräumendes Manifest schwingt.

Autor: Jean Hubert Martin
Autor: Jean Hubert Martin

Die moderne Kunst entstand im Takt donnernder Erklärungen, flammender Proklamationen und markiger Manifeste. Sie alle verkündeten eine neue Ära, die den Bruch mit den Konventionen und Traditionen einer abgewirtschafteten Welt besiegeln würde. Dem Künstler steht es frei, eine formale Revolution zu vollbringen, indem er mit seinem Werk eine neue Weltanschauung darlegt. Individuen in großer Zahl dazu zu bewegen, sie zu teilen, ist jedoch weitaus schwieriger. Revolutionen sind langsam und langwierig, brauchen manchmal ein oder zwei Jahrhunderte, bis sie Gestalt annehmen – was der Lebensdauer einer Schildkröte entspricht. Die Schildkröte lebt um so länger, je langsamer sie ist und je mehr sie sich schont, weshalb sie auf chinesischen Grabmalen die Unsterblichkeit versinnbildlicht, auf der eine Stele errichtet wird.

Die von einer jeden Generation getragene Revolution werde sich, so heißt es, gemäß einer unabänderlichen Ordnung fortpflanzen. Unterdessen verstehen sich die Kabakovs perfekt auf die visuelle Rhetorik der Sowjetkultur, deren Bildsprache die aufsteigenden Diagonalen bevorzugt, die den Vorwärtsmarsch zu einem in himmlischen Höhen angesiedelten Ideal anzeigen. Doch folgen die Fahnenträger und die Schildkröten einem gefährlich abschüssigen Pfad, der wenig Gutes verheißt.