Das Kunstwerk

 

Günther Uecker – Verletzungen-Verbindungen 2010, Siebdruck


Über Günther Ueckers Grafik „Verletzungen – Verbindungen“

Günther Uecker zählt zu den wichtigsten deutschen Künstlern der Gegenwart und gehört zu den wenigen, die seit Jahrzehnten internationale Anerkennung genießen. Dass seine Werke von westlichen wie östlichen Museen gleichermaßen gesammelt und in allen Teilen der Welt ausgestellt werden, ist nicht nur als Gütezeichen von Qualität zu werten, sondern hat auch mit seiner Vita und mit der auf ein humanistischem Lebensideal ruhenden Allgemeingültigkeit seiner Kunst zu tun. Der 1930 in Mecklenburg geborene Uecker kam 1955 als junger Mensch aus der DDR in die Bundesrepublik und studierte an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo er später bis zu seiner Emeritierung 1995 auch als Professor tätig war. Bereits Ende der 1950er Jahre stand er als Mitglied der legendären Avantgarde-Gruppe ZERO in den vorderen Reihen der internationalen Kunsterneuerung. Mit dem radikalen Wechsel vom gemalten Tafelbild zum Nagel-Objekt gelang es ihm, ein seinen künstlerischen Absichten gemäßes Werkzeug zu finden, was – nicht gerade zu seiner Freude – ein an ihm haftendes Markenzeichen geblieben ist. In der Folge setzte er sich in seinen Bildern, Skulpturen, Installationen und Aktionen zunehmend mit der existentiellen Bedrohung des Menschen in der heutigen Zeit auseinander und rief zur Bewahrung des Humanen auf. Seit Mitte der 1960er Jahre bis heute stellte der vielgereiste und für fremde Kulturen überaus interessierte Uecker in Museen aller Kontinente aus, u.a. 1988 als erster westlicher Künstler mit 820 Werken im Zentralen Künstlerhaus am Krimwall in Moskau. 2005 waren drei große Ausstellungen anlässlich seines 75. Geburtstages in Berlin (im Martin-Gropius-Bau, im Neuen Berliner Kunstverein und in der Neuen Nationalgalerie) zu sehen. 2007 wurde seine Installation „Brief an Peking“, die dreizehn Jahre davor noch mit Ausstellungsverbot belegt worden war, in dem Chinesischen National Kunstmuseum in Peking gezeigt. Seine vom Institut für Auslandsbeziehungen organisierte Wanderausstellung „Der geschundene Mensch“ ist seit 1993 unterwegs und befindet sich gerade in St. Petersburg, in der 48. Station. Im März 2011 wird eine große Retrospektive seiner Arbeiten in New York zu sehen sein. Er war beteiligt an wichtigen Großausstellungen, wie an der Biennale Venedig oder der documenta, und erhielt zahlreiche Preise, wie den Kaiserring der Stadt Goslar oder den Orden Pour le Mérite in Berlin. Er hat für das UNO-Gebäude in Genf ein Wandrelief und für das Reichstagsgebäude den Andachtsraum gestaltet, den der damalige Kulturstaatsminister Michael Naumann als „Zeichen für das Zentrum unserer Verfassungsordnung“ gedeutet hat, als Verkörperung der Maxime „Die Würde des Menschen ist unantastbar“.

Das Thema viele seiner Werke ist die „Verletzbarkeit der Menschen durch den Menschen “, wie er es selbst formulierte. Das Wissen um das Gefährdetsein von Natur und Mensch führt ihn zu betroffen machenden Bildwerken, die jeden existenziellen Aspekt unseres Lebens berühren. Mit einem bearbeiteten Stamm eines abgestorbenen Baumes setzte er dem aussterbenden Wald ein Denkmal, mit der Installation „Aufwischen“ erinnerte er an die tödlichen Folgen der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl und mit dem „Black Mesa“ Zyklus nahm er Stellung gegen die Zerstörung eines Ortes im amerikanischen Navajo-Reservat, wo eine heilige Stätte der Indianer rücksichtslos vernichtet werden sollte. Eine seiner letzten Werkgruppe, die zur Zeit im Ulmer Museum zu sehen ist, entstand unter dem Eindruck der weltweiten politischen, kulturellen und religiösen Spannungen. In ihr verbindet der Künstler drei Religionen miteinander und offeriert „Friedensgebote“, in drei Schriften – und zwar arabisch aus dem Koran, hebräisch aus der Thora und lateinisch aus der Bibel – auf Tücher geschrieben, mit drei dazu gehörenden symbolhaften Objekten. Mit dieser Werkgruppe will Uecker zum interreligiösen Dialog, zum Verstehen gemeinsamer geistesgeschichtlicher Quellen aufrufen. Alle diese Beispiele zeugen von der Engagiertheit eines Künstlers, der in der Gegenwart lebt, aktiv an seiner Zeit teilnimmt. Durch eben diese Zeitgenossenschaft eignen sich Ueckers Werke als Dokumente der Zeitläufe, die – mit seinen eigenen Worten – aus „Erregtheit und Erschüttertheit“ entstehen.

Ueckers Originalgrafik „Verletzungen – Verbindungen“, ein handsignierter Siebdruck (in einer limitierten Auflage von 99 Exemplaren für den Preis von  850,- Euro) wurde exklusiv für die „Herz für Kinder“-Spendenaktion der BILD-Zeitung geschaffen, deren Erlös gänzlich den flut- und kriegsgeschädigten Kindern in Pakistan zugute kommen soll. Das Blatt ist in zweierlei Hinsicht eine typische Arbeit des Künstlers. Auf der einen Seite ist auf ihm die Entstehung der künstlerischen Gestaltung als leidenschaftlich ungestüme Handlung ablesbar, der in seiner Arbeitsweise stets innewohnende Handlungscharakter erfahrbar. Das handwerkliche Tun – ob mit schweren Geräten im Atelier oder mit dem farbgeschwärzten Finger in der Druckwerkstatt – ist ihm genauso wichtig wie die gedankliche Arbeit und philosophische Einkreisung von Ideen. Auf der anderen Seite verweist die formale Lösung seiner Schwarzweiß-Grafiken auf die elementaren Gestaltungsmittel, in denen er sich stets mit der Dualität von Hell und Dunkel, Schwarz und Weiß auseinandersetzt. Der Bildträger Papier wird mit schwarzer Farbe bearbeitet, den er mit seinen Händen und mittels Nägel aufträgt. Die malerische Handlung wird nicht zum Gegenstand des Bildes, sondern das Bild wird zum Gegenstand der Handlung. Die schwarze Farbe steht plötzlich als Materie im Vordergrund und durch die Nagel- und Fingerspuren behält die Komposition ein hohes Maß an Sinnlichkeit. Dieser zum Ritual werdende Arbeitsvorgang besitzt symbolische Bedeutung. Wie in seinen bekannten Objektserien gleichen Titels „Verletzungen – Verbindungen“, in denen die aggressiven Handlungen gleichsam „befriedet“ werden, zeigt sich auch hier die einfühlsame Kunst Ueckers, die das von heftigem Kraftakt herrührende Gebilde durch wenige „besänftigende“ Eingriffe emotional zugänglich zu machen versteht. Die Grafik evoziert zwar Landschaftsassoziationen, die sich mit apokalyptischen Visionen verknüpfen, sei es Naturkatastrophen oder Kriegszerstörung, sie verströmen aber trotzdem eine ästhetische Schönheit, wodurch beide Seiten eines dualistischen Prinzips reflektiert wird: Trauer und Bedrohung auf der einen Seite, Hoffnung und Menschlichkeit auf der anderen. Das grafische Werk Ueckers verarbeitet eine Vielzahl aktueller Themenbereiche in der Übertragung von Gedanken und individuellen Interpretationen. Allen seiner Werke ist ein existenzielles Fundament gemeinsam, das ursächlich mit biographischen Erfahrungen korrespondiert. Durch eben diese Parallelität von Kunst und Leben gelingt es Uecker prägnante Zeitdokumente zu schaffen. Er denkt in existenziellen Grundbefindlichkeiten und dies befähigt ihn, Kunst von ebenso hoher Moralität wie Qualität zu schaffen. Die vorliegende Grafik „Verletzungen – Verbindungen“ eignet sich beispielhaft dafür, diese Werte vor Augen zu führen.

Copyright: Alexander Tolnay / Geuer & Breckner