Das Kunstwerk

Christo – Ponte Sant Angelo, Wrapped – Project for Rome, 1969-2011


Die limitierte Collage-Grafik “Ponte Sant Angelo, Wrapped” zeigt einen Entwurf für ein geplantes Projekt, das jedoch von den Behörden von Rom abgelehnt und daher nie verwirklicht werden konnte. Das Thema zu diesem Werk fanden Christo und Jeanne-Claude bei ihrem Rombesuch 1967. Hier handelt es nicht um Belege bloßer Träumerei, sondern Dokumente künstlerischer Kreativität, die immer auf ihre Umsetzung zielen. Nichts beweist das Gelingen so einer beharrlichen Bestrebung besser, als die Tatsache, dass die Verhüllung einer anderen Brücke, dem Pont Neuf in Paris, nach zehn Jahren Vorbereitung 1985 schließlich geglückt ist. Nach dem Erfolg dieses Projekts wurde der Plan, die Engelsbrücke zu verhüllen endgültig aufgegeben, denn wie Christo selbst in einem Interview anlässlich der großen Ausstellung im Berliner Gropius-Bau 2001 sagte: „Wir machen nichts ein zweites Mal.“

Christo und Jeanne-Claude reizte die Engelsbrücke aus zwei Gründen – einem inhaltlichen und einem formalen. Auf der einen Seite handelt es sich um die schönste der antiken Brücken Roms, die im Jahre 134 von Kaiser Hadrian erbaut wurde. Aus dieser Zeit sind die drei mittleren Arkaden noch originalgetreu erhalten. Die zehn auf ihr aufgestellten Engelsfiguren wurden von dem bedeutendsten Bildhauer und Architekten des italienischen Barock, Gian Lorenzo Bernini mit seinen Schülern geschaffen, dessen Werke das römische Stadtbild bis heute prägt. Berninis herausragende Leistung war die vorbildliche Verbindung von Architektur und Skulptur. Darin mag der zweite Grund von Christos und Jeanne-Claudes Zuneigung liegen, denn diese Auffassung kommt ihrem eigenen Kunstverständnis sehr nahe. Das Projekt „Ponte San’ Angelo Wrapped“ ist ein Kunstwerk und ein Stück Architektur zugleich.

Als Grundlage für das Werk dienten Fotografie und Stadtplan, die mit Bleistift und Wachsbuntstift zeichnerisch überarbeitet und mit Stoff und Faden dreidimensional collagiert wurden. Das Blatt besteht aus drei Teilen. Das obere Zweidrittel wird von einer kolorierten Fotoaufnahme der Engelsbrücke über den Fluss Tiber und von historischen Gebäuden im Hintergrund beherrscht, wie der Ospedale di San Spirito und der Konvent Domus Romana Sacerdotalis, sowie der Petersdom und Vatikanpalast. Der mit Stoff collagierte Teil der Abbildung soll das spätere Aussehen der tatsächlichen Brückenverhüllung veranschaulichen. Das untere Drittel ist wiederum zweigeteilt. Links befindet sich eine Zeichnung Christos, welche die fünf Bögen der Brücke in Untersicht wiedergibt und seitlich mit der Engelsburg schließt. Rechts sieht man eine handgezeichnete Teilansicht des Stadtplans von Rom mit Markierung der genauen Lage der Brücke. Ergänzt werden die Bildnisse mit handgeschrieben Texten und Maßangaben des Künstlers. Die einzelnen Merkmale des Entwurfs bilden in ihrer Gesamtheit eine künstlerische Einheit, die sich als autonomes Kunstwerk präsentiert.Christos Entwürfe sind stets von dieser Dualität des Sinngehalts geprägt. Er verwandelt Architektur in Skulptur und verändert damit gleichzeitig die Wahrnehmung derselben. Die Verdeckung der architektonischen Details bewirkt eine Reduktion auf einfachste bildhauerische Formen. Die Transformation eines wohlbekannten Objekts durch Verhüllung in eine andere Gestalt mit neuer Identität macht etwas sichtbar, was im Alltag nicht mehr wahrgenommen wird. Diese zeitweilige Verwandlung des Aussehens eines Bauwerks führt zu Freisetzung unerwarteter Interpretationen, ohne dabei seine ursprüngliche Funktion zu verlieren, und verleiht ihm einen Charakterzug , der das Thema Brücke – d. h. sich zwischen zwei Ufern hin und her bewegen zu können –  in eine ästhetische Erfahrung überführt. Ein in Stoff gehüllte Steinbrücke mit ihren anmutigen Konturen ist nicht länger in Stein erstarrte Kunstgeschichte, sondern Ausdruck von allgemeinen Gesetzen der Formschönheit. Christo und Jeanne-Claude schaffen mit der Verhüllung eines Objekts der Schönheit stets eine neue Form von Schönheit und beschwören damit die wunderbaren Verwandlungskräfte der Kunst.

Das Entstehungsjahr des ersten Entwurfs für das Projekt „Ponte San’ Angelo Wrapped“ war ein Wendepunkt im künstlerischen Schaffen von Christo und Jeanne-Claude. 1969 fand die aufsehenerregende Verhüllung eines Küstenstreifens in Australien statt, die eine neue Phase der Kunstgemeinschaft von Christo und seiner Frau Jeanne-Claude markierte. Ab diesem Zeitpunkt wurden immer größer angelegte Außenprojekte geplant und realisiert, welche einen stets steigenden Aufwand an Vorbereitung und Organisation erforderten. Die spektakuläre Verhüllung des Berliner Reichstags 1995 kann als gutes Beispiel hierfür dienen. Da ihre temporären Kunstwerke allen frei zugänglich waren, konnten sie weder erworben, gesammelt oder in Museen aufbewahrt werden, sondern nur die damit in Verbindung stehenden Zeichnungen und Collagen von Christo. Allerdings dienten diese lediglich einem einzigen Zweck, nämlich mit deren Verkauf ihre Projekte in eigener Regie umsetzen zu können und dadurch von öffentlichen Geldgebern und privaten Sponsoren unabhängig zu bleiben.

Die Erlöse dieser Collage-Grafik Edition werden ebenfalls in die Finanzierung des aktuellen „Work in Progress“, dem Projekt „Over the River“ fließen.

Copyright: Dr. Alexander Tolnay / Geuer & Breckner