Interview mit Zeng Fanzhi

Wieso haben Sie gerade dieses Motiv für „Ein Bild für BILD“ ausgewählt?

Ich achte sehr auf die Hände anderer Menschen. Die Hände eines Menschen erzählen mehr über das Innere der Person als sein Gesicht. In meiner früheren Arbeiten habe ich oft bewusst die Hände vergrößert dargestellt. In der Arbeit für „Bild“ habe ich bereits sehr früh mit dem Gedanken gespielt, Hände als Motiv zu wählen.

Aus welchem Grund haben Sie entschieden, drei Paare betender Hände zu zeichnen und dazu eine geschlossene Hand?

Die Haltung der aneinandergelegten Hände haben eine wichtige Bedeutung für uns Asiaten. Unterschiedliche Handgesten haben auch unterschiedliche Bedeutungen. Sie beinhalten Zufriedenheit, Heiterkeit, Gelassenheit, Gebete und Weisheit sowie viele andere Bedeutungen. Durch die Hände sind wir in der Lage, gute Wünsche und Hoffnungen zu übermitteln. Die Hände im Bild stehen für Gebete und für Hoffnungen auf Weisheit, die zur Konfliktlösung führt.

Die Hände haben alle eine unterschiedliche zeichnerische Intensität…

Das hat kompositorische Gründe. Ursprünglich wollte ich noch mehr Hände zeichnen, habe dann die Anzahl aber reduziert. Außerdem glauben wir Chinesen an die Zahl „3“ als eine besondere Zahl. „Die Einheit bringt die Zwei hervor, die Zwei bring die Drei hervor, die Drei bringt die Welt der zehntausend Dinge“ (Anm. d. Ü: aus dem Buch „Daodejing / Buch der Verwandlung“ von Laozi). Demnach hat sich die Welt so einfach von der Einheit bis zur Multidimensionalität entwickelt. Wie man persönlich die Welt sieht, kommt ganz auf die individuelle Perspektive an.

Warum betende Hände – welche Bedeutung hat Religion für Sie?

Ich bin kein religiöser Mensch, aber ich teile einige religiöse Ansichten. Die Güte der Menschen basiert auf der Erkenntnis der Wahrheit/Realität. Im Zusammenhang mit Universum und Zeit wirkt jedes Individuum winzig und vergänglich, in der Hinsicht gibt es keinen Unterschied zwischen Mensch und einer Ameise. Wenn man das begreift, dann begreift man, dass Glück und Unglück nah beieinander stehen. Jeder Moment der vergeht wird zum Staub in der Geschichte. Jegliches Handel, dass aus der Begierde des Eigenen und zum Schaden des Anderen geschieht, ist nicht nur schändlich, sondern auch töricht und lächerlich. Ich glaube, dass die Güte auf dieser Erkenntnis basiert. Das Herz des Menschen sollte großzügig sein und mehr Mitgefühl gegenüber den Mitmenschen besitzen. In der gegenwärtigen Welt glauben viele, dass sie sich für Ihren Glauben unermüdlich einsetzen, aber dabei ist der Glaube in ihrem Herzen sehr eingeschränkt.

Die zum Beten gefalteten Hände zeigen eine Nähe zu Dürer – was möchten Sie damit ausdrücken?

Neben Dürer kommt mein Fokus auf Hände durch zwei andere deutsche Künstler: Adolph von Menzel und Käthe Kollwitz. Für einen Künstler stellen Hände eine bleibende Herausforderung dar, sie gehören zu den am schwierigsten darzustellenden Körperteilen überhaupt.

Was fasziniert Sie so an Dürer?

Dürers Arbeiten sind voller Bekenntnis und Überzeugung. Die darin enthaltene Stimmung rührt mich sehr. Ich habe viele Zeichnungen von Dürer studiert, die dargestellten Menschen strahlen Ruhe und Frieden aus, die Blicke und Mimik erinnern mich an fernöstliche Buddha-Figuren. Ich bewundere viele Künstler, insbesondere einige klassische Meister inspirieren mich zu neuen Arbeiten. Ich bin von Zeit zu Zeit einem Künstler regelrecht verfallen und studiere wiederholt seine Arbeiten. Dann erkundige ich die Beziehung zwischen meinen eigenen Arbeiten zu denen des Künstlers.

Neben dem grauen Grund findet man auf dem Kunstwerk rote Pinselstriche? Haben Sie eine spezielle Bedeutung?

Für mich bedeutet die rote Farbe im Bild die Zeit. Ich möchte mit diesem Hauch von Rot, das sich auf dem grauen Untergrund aufzulösen scheint, einen Eindruck von Bewegung erzeugen.

Welche Bewandtnis hat es mit dem von Ihnen gewählten Papier? Was macht es so besonders?

Viele meiner aktuellen, noch nicht vollendeten Arbeiten sind Papierarbeiten. Dazu zählt auch die Arbeit für „Bild“, die aber anders entstanden ist. Das Papier ist manuell hergestellt worden und besitzt daher eine natürliche Struktur. Jedes Blatt für sich ist ein Unikat.

Wieviel Zeit benötigten Sie für diese Zeichnung?

Die gedankliche Vorarbeit dauerte mehrere Monate, die Zeichnung wurde innerhalb einiger Tage fertiggestellt.

Werke auf Papier von Ihnen sind sehr rar, warum arbeiten Sie so selten auf Papier?

Wie ich bereits erwähnt habe, gehören Papierarbeiten zu meiner neuen Arbeitsserie, die bereits 6 Jahre andauert. Aber diese Serie wurde noch nicht vollständig veröffentlicht, lediglich im letzten Jahr in der New Yorker Gagosian Gallery wurden wenige Arbeiten gezeigt, und in diesem Jahr werden in meiner kommenden Soloausstellung im UCCA Museum in Beijing einige zu sehen sein. Ich möchte momentan noch nicht zu viel über diese Serie sagen, da mich die Rezeption des Betrachters sehr interessiert. Malerei und Bilder können nie gänzlich durch Worte erklärt werden, selbst der Künstler weiß manchmal nicht, warum er etwas malt.