Kunsthistoriker Dr. Alexander Tolnay erklärt das Kunstwerk „Christo – Ponte Sant Angelo, Wrapped“

„Ponte Sant’Angelo Wrapped“ (deutsch: die verhüllte Engelsbrücke) ist der Titel des Werkes, das Christo für die Leser der BILD gestaltet hat.

Ursprünglich war es der Entwurf für ein geplantes Projekt, das jedoch von den römischen Behörden abgelehnt und daher nie verwirklicht werden konnte. Das Thema zu diesem Werk entdeckten Christo und Jeanne-Claude bei ihrem Rom-Besuch 1967.

Auch wenn dieses Werk an das Scheitern der Idee erinnert, sind solche Entwürfe wichtige Bestandteile ihres Gesamtwerks, Scheitern ist ein Teil der Kunst.

Hier handelt es sich nicht um bloße Träumerei, sondern Dokumente von Christo und Jeanne-Claudes künstlerischer Kreativität. Deren Ziel war immer die Umsetzung ihrer Ideen.

Ihre Beharrlichkeit bewiesen sie bei der Verhüllung einer anderen Brücke, dem Pont Neuf in Paris: 1985 war es so weit, nach zehn Jahren Vorbereitungszeit.

Nach dem Erfolg dieses Projekts wurde der Plan, die Engelsbrücke in Rom zu verhüllen, aufgegeben, denn wie Christo selbst sagte: „Wir machen nichts ein zweites Mal.“

Folglich ist Christos „Bild für BILD“, die „Ponte Sant’Angelo Wrapped“, einerseits der historische Beleg eines vereitelten Versuchs und andererseits – 50 Jahre nach seiner ersten Verhüllung – ein perfektes Beispiel für seine Arbeitsweise.

Als Grundlage für das „Bild für BILD“ dienten Fotografie und Stadtplan, die mit Bleistift und Wachsbuntstift zeichnerisch überarbeitet und mit Stoff und Faden dreidimensional collagiert wurden.

Das Blatt besteht aus drei Teilen. Das obere Zweidrittel wird von einer kolorierten Fotoaufnahme der Engelsbrücke über den Fluss Tiber und dem Petersdom beherrscht. Der mit Stoff umwickelte Teil der Abbildung soll das spätere Aussehen der tatsächlichen Brückenverhüllung veranschaulichen.

Das untere Drittel ist zweigeteilt. Links ein Bild, welches die fünf Bögen der Brücke von unten zeigt. Rechts sieht man eine handgezeichnete Teilansicht des Stadtplans von Rom mit Markierung der genauen Lage der Brücke. Ergänzt werden die Bildnisse mit handgeschriebenen Texten des Künstlers. Die einzelnen Merkmale des Entwurfs bilden in ihrer Gesamtheit eine künstlerische Einheit.

Christo und Jeanne-Claude reizte die Engelsbrücke aus zwei Gründen – einem inhaltlichen und einem formalen.

Einerseits handelt es sich um die schönste der antiken Brücken Roms. Die zehn auf ihr aufgestellten Engelsfiguren wurden 1668 von dem bedeutenden Barock-Bildhauer und Architekten Bernini geschaffen, dessen herausragende Leistung die Verbindung von Architektur und Skulptur war. Darin lag der zweite Grund von Christos und Jeanne-Claudes Zuneigung: Das Projekt „Ponte Sant’Angelo Wrapped“ ist ein Kunstwerk und ein Stück Architektur zugleich.

Die Verwandlung eines bekannten Objekts durch Verhüllung in eine andere Gestalt mit neuer Identität macht etwas sichtbar, was im Alltag nicht mehr wahrgenommen wird.

Diese zeitweilige Transformation führt zu Freisetzung unerwarteter Interpretationen, ohne dabei seine ursprüngliche Funktion zu verlieren.

Christo und Jeanne-Claude schaffen mit der Verhüllung eines Objekts stets eine neue Form von Schönheit und beschwören damit die Verwandlungskräfte der Kunst.

* Dr. Alexander Tolnay (67) ist Kunsthistoriker und Autor mehrerer Publikationen über Christo & Jeanne-Claude. Als Direktor des Neuen Berliner Kunstvereins organisierte er die „Christo & Jeanne-Claude“-Ausstellung im Gropius-Bau Berlin.