Interview mit Christo

Von Willem Tell

Morgen erhalten Sie, liebe Leser, ein Bild von BILD! Es ist ein Werk von Christo (76), einem der bekanntesten Künstler der Welt. Aber wer ist der Mann, zu dessen Reichstags-Verhüllung 1995 fünf Millionen Menschen pilgerten? BILD besuchte ihn in seinem New Yorker Atelier. Ein Gespräch über Kunst, Kritik und Knoblauch.

Christo öffnet die Tür. Seine abgewetzte Jeans hat ein Loch am Knie. Die Manschetten seines Hemdes werden locker von Bindfäden gehalten. Das weiße Haar ist leicht durcheinander. Und man riecht: Christo ist ein Knoblauch-Fan.

Christo: „Ich pelle mir jeden Morgen einige frische Knoblauchzehen, zerdrücke sie in Naturjoghurt. Dazu esse ich eine Banane. Dieses Frühstück hält jung und gesund.“ Wie zum Beweis nimmt er locker die Stufen zum Galerie-Zimmer im 2. Stock.

Ist Treppensteigen Ihr einziger Sport?

Christo: „Nein, ich trainiere regelmäßig mit einem Yoga-Lehrer. Das ist sehr effektiv.“ Er steht auf, hockt sich ohne Stuhl an die Wand. „So halte ich viele Minuten aus.“ Christo lacht, mixt dann Gin-Tonic (fast ohne Tonic) oder Bloody Mary (mehr Wodka als Saft) für seine Gäste. Über dem grauen Sofa hängen Projekt-Skizzen.

Ihre Kunstwerke werden auf Auktionen und Messen für Millionen gehandelt. Was bedeutet Ihnen Geld?

Christo: „Nicht viel. Ich zahle mir im Jahr 25 000 Dollar Gehalt aus. Der Rest fließt in meine Projekte. Allein ,Over the River‘ wird rund 50 Millionen Dollar kosten.“

Warum ist dieses Projekt so teuer?

Christo: „Jeanne-Claude und ich wollen den Arkansas River in Colorado auf einer Länge von knapp 10 Kilometern mit Stoff überspannen. Dafür müssen zum Beispiel über 7000 Verankerungen im Boden befestigt werden – zum Teil entlang Eisenbahnstrecken und Highways. Christo und Jeanne-Claude haben für dieses Projekt bisher über 11 Millionen Dollar ausgegeben.“

Obwohl ihre Frau vor zwei Jahren verstorben ist, sprechen Sie oft von Christo und Jeanne-Claude?

Christo: „Ja, es ist unser Projekt – und wird es immer bleiben. Wir haben uns versprochen, falls einem von uns etwas passieren sollte, setzt der andere unser Werk fort.“

Auf die Verhüllung des Reichstages warteten Sie 24 Jahre. Die ersten Studien zu „Over the River“ liegen über ein Jahrzehnt zurück. Sind Sie sehr geduldig?

Christo: „Ich nenne es Leidenschaft. Die Debatten und schwierigen Genehmigungsprozesse gehören zu unserer Kunst. Es ist merkwürdig, denn niemand würde das Bild eines Malers diskutieren, bevor er den ersten Strich auf die Leinwand gebracht hat. Aber bei uns wird jedes Werk vor dem Beginn zum Gegenstand lebhafter Diskussionen. Ist es nicht unglaublich, dass Kunst, die nicht existiert, zu solchen Reaktionen führt?“

Apropos Reaktionen: Sie sollen zuweilen heftig reagieren, wenn man sie Verpackungskünstler nennt?

Christo: „Ein Verpackungskünstler ist jemand, der ein Geschenk schön einpacken kann. Ich bin Maler und Bildhauer und habe zusammen mit Jeanne-Claude Werke geschaffen, die durch ihre Umgebung, die Vergänglichkeit und ihre Geschichte zu Monumenten geworden sind.“